Sturmhöhe in Nebel und Schnee
- Rüdiger Gottschalk

- vor 2 Stunden
- 5 Min. Lesezeit
Schier endlos winden sich schmale Landstraßen durch die Landschaft, vorbei an von Trockensteinmauern gesäumten Feldern und Weiden, auf denen vor allem Schafe grasen – während die Hektik des großstädtischen Manchester weit entfernt scheint: unterwegs in den Yorkshire Dales auf den Spuren der Brontës.

Der Schnee knirscht unter den Stiefeln, durch schmelzendes Tauwasser führt der Weg schlammig zur Old Gang Lead Smelting Mill. Einst wurde hier Blei verarbeitet – heute öffnet sich an diesem Ort das Herz von Catherine Earnshaw für ihre große Liebe Heathcliff. Im Torbogen der alten Mühle erscheint er im Nebel, gezeichnet von Jahren der Entbehrung und Einsamkeit.
„Wuthering Heights“ basiert auf dem 1847 erschienenen Roman von Emily Brontë (1818–1848). Die Handlung ist tief in den eindrucksvollen Yorkshire Dales verwurzelt, einer Landschaft, die besonders im Februar ihre raue Seite zeigt – mit eisigem Wind und gefrorenem Boden. Hier lebte die Autorin Emily mit ihren Schwestern und ihrem versoffenen Bruder ein durchaus hartes Leben. Die Regisseurin Emerald Fennell soll vom Romanstoff geradezu besessen gewesen sein, so dass sie es wagte, die mittlerweile zehnte Adaption von Wuthering Heightsanzugehen.

Eine Liebesgeschichte mit gewaltigen Bildern
Catherine wird von Margot Robbie, bekannt aus „Barbie“, gespielt, Heathcliff von Jacob Elordi. Zwei große Stars, die auf der Leinwand ein modernes Traumpaar bilden und doch nie wirklich zueinanderfinden. Statusdenken, verletzte Eitelkeit und Intrigen stehen ihrer intensiven Liebe im Weg und verhindern ein glückliches Ende. Wie so oft bei Literatur-verfilmungen gehen auch hier die Meinungen weit auseinander. Kulturredakteurin vom Guardian war richtig gelangweilt und vermisste die Sozial- und Gesellschaftskritik aus der Feder Emily Brontës. Nicht minder hart geht der Independent ins Gericht. Zwischen Zustimmung und Ablehnung ist die Redaktion gespalten – ein Film, der stark polarisiert.
Wie dem auch sei, die Kinobesucher sind geflasht, aufgelöst, atemlos und fasziniert nicht nur von dem Filmpaar, sondern auch von den gewaltigen Bildern, die Regisseurin Fennell wunderbar inszeniert und immer wieder großartig überzeichnet. Man denke nur an die opulente Wanddekoration im Haus des reichen Nachbarn, den Kamin in Catherines neuem Zuhause, ihre außergewöhnlichen Kleider, den markanten Schmuck und die verstörende Schlussszene mit den Blutegeln.
Die Old Gang Lead Smelting Mill ist nur einer von mehreren Drehorten. Hoch oben über der alten Bleimühle dienten die dunklen Felsen schon vor einem Jahr als Kulisse für die heimlichen Treffen von Cathy und Heathcliff – dort, wo sie sich bereits als Kinder ihre Liebe schworen.
Catherines Vater, der trinkfreudige Mr. Earnshaw (Martin Clunes), sieht seine Chance gekommen, als der wohlhabende Emporkömmling Edgar Linton (Shazad Latif) um die Gunst seiner Tochter wirbt. Doch menschliche Schwächen, Stolz und unglückliche Entscheidungen treiben Catherine und Heathcliff auseinander. Schließlich landet sie an Edgars Seite, ohne echte Gefühle, denn ihr Herz gehört allein Heathcliff. Der verschwindet für Jahre, bis er eines Tages im Nebel wieder im Torbogen der alten Mühle auftaucht. Geschichten wie diese haben eine lange Tradition: Ob Romeo und Julia aus Verona, Jan und Griet aus dem mittelalterlichen Köln oder Diego und Isabel aus Teruel – unerfüllte Liebe fasziniert bis heute Publikum wie Filmschaffende gleichermaßen.
Reise in eine Kultur des Vertrauens
In der Simonstone Hall, einem typisch britischen Landsitz mit alten Mauern und frei herumlaufenden Pfauen, waren Teile der Crew und die Schauspieler untergebracht. Das Anwesen versetzt seine Gäste sofort in vergangene Zeiten. Margot Robbie und Jacob Elordi gefiel es dort so gut, dass sie später privat zurückkehrten – mit Hund und Ehemann. Die Küche gilt als ausgezeichnet, das Frühstück als klassisch britisch perfekt, und an der Bar soll so mancher Drink für die Filmcrew ausgeschenkt worden sein.
Die Fahrt durch die Yorkshire Dales führt einen durch schier endlos geschwungene schmale Landstraßen, die Trockensteinmauern säumen die Felder und Wiesen, wo vor allem Schafe grasen und die Hektik des großstädtischen Manchesters weit weg ist. Hier lebt die Kultur des Vertrauens, erzählt der Fahrer der Yorkshire-Dale-Tours. Die Häuser werden genauso wenig abgeschlossen wie die Pickups vor der Tür.
Im Green Dragon Inn, unweit des kleinen Ortes Hawes, zeigt sich das typische englische Publeben: gutes Essen, frisch gezapfte Pints und gesellige Abende. Ob Margot Robbie und Jacob Elordi hier nach den Dreharbeiten eingekehrt sind, bleibt offen. Sicher ist aber, dass die Filmcrew einen Abstecher zum Hardraw Force machte. Dort soll einst Kevin Costner als Robin Hood, der Legende nach unbekleidet, hinter dem gewaltigen Wasserfall verschwunden sein, beobachtet von Maid Marian, gespielt von Mary Elizabeth Mastrantonio. Immerhin: Diese Geschichte endet glücklich – ganz anders als die von Catherine und Heathcliff.
Bleibt abzuwarten, ob der Filmstoff der Wuthering Heights den Kassensturm befördert und den Megaerfolg von der Barbie-Verfilmung mit Margot Robbie einholt.
Infos und Tipps rund um die Yorkshire Tales
Mit dem Rad
Vielleicht nicht im Februar, dafür aber umso mehr ab Ostern empfiehlt sich eine Radtour durch die Yorkshire Dales. Das Dales Bike Center verleiht sie ab der einfachen Ausführung für rund 45 Pfund pro Tag. Ein nettes Café im Center verspricht leckere Sandwiches und verschiedene Suppen und ein reiches Kuchenangebot.
Mit der Dampflok
Von der Industriestadt Keighley geht es mit einem historischen Dampfzug und viel Qualm in den Norden des Brontë-Landes. Die Strecke verbindet Keighley mit Oxenhope. Der zentrale Halt ist Haworth, wo die Brontës lebten. Acht Kilometer, die eigentlich viel zu schnell vergehen, geben einem das atmosphärische Gefühl des 19. Jahrhunderts. So muss Charlotte Brontë mit ihren Schwestern gereist sein.
Elizabeth Gaskell's House
Hier entstand die besondere Freundschaft zwischen Charlotte Brontë und Elizabeth Gaskell, zwei der größten viktorianischen Schriftstellerinnen. Der Besuch des Hauses ist ein Erlebnis, nicht nur wegen seiner besonderen Einrichtung und Farbgebung des Interieures. Es heißt, Charlotte – scheu vom Wesen – habe sich vor Besuchern hinter den Vorhängen versteckt. Das Haus – circa zwei Kilometer von Manchesters Zentrum entfernt – ist an drei Tagen, Mittwoch, Donnerstag und Sonntag, geöffnet, Buchungen übers Internet sind dringend angeraten. Einlass ist von 11 bis 15 Uhr.
Mitten in der Partymeile
Das Leven ist ein sehr empfehlenswertes Hotel. Es gibt verschiedene Kategorien von Räumen, etwa das Living Space mit eigenem Wohnzimmer, Küche und Badewanne im Zimmer. Typische Industriearchitektur gemauert mit den berühmten Bricks, großen Fenstern und provokanter Kunst. Die Preise sind fair, das Frühstück gibt es im Restaurant Maya.
Zwei Tipps zum Schluss:
In Haworth kann der Besucher in der ehemaligen Post sehr gut essen. An einem Ort, wo die Brontë-Familie ihre Manuskripte nach London verschickte. The Old Post Office Haworth bietet auch Gästezimmer.
Im ehemaligen Wohnhaus der Familie Brontë wandelt der Besucher auf den Spuren der schreibenden Familie. Alles ist zu sehen, typische Kleidung aus Emilys Zeit, das unordentliche Zimmer des Bruders, daneben die viktorianische Idylle einer klassischen Bürgerfamilie aus Haworth. Das Brontë Parsonage Museum.
Alle weiteren Informationen gibt es auf visitbritain.com.
















